Das Ballheft erscheint jeweils in einer Auflage von 1000 Exemplaren und wird allen Mitgliedern der beteiligten Verbindungen und Verbände zugestellt.
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Eigensinn in Gemeinschaft

Es ist eines seiner berühmtesten Bilder: ‘La danse‘ von 1910. Es hängt in der Eremitage in St. Petersburg.  In Paris gibt es ein noch grösseres Fresko mit demselben Motiv - es hat Henri Matisse immer wieder beschäftigt.














Grossformatig - 260 x 391 cm - führt es fünf Frauen vor, in leidenschaftlicher Bewegung. Bewegung: das ist das Stich­wort. Die Körper in Schwung und Dehnung, sie scheinen zu fliegen, ohne doch ihre Schwere, ihre Körperlichkeit einzubüssen. Eine jede in ihrer eigenen Bewegung, die Blicke eher zu Boden als aufeinander gerichtet, ganz bei sich - und doch verbunden, fest halten sie sich an der Händen, eine jede ist in Kontakt mit dem Kreis, jede tanzt auf ihre Weise, und sie sind eins.
Der Tanz: seit jeher, in zahllosen Kulturen, Inbegriff von Fest und Freude, von erotischer Anziehung jenseits der Sorge um das Brot. Matisse interpretiert den Tanz als Vision in einer individueller werdenden Zeit: Eine jede bei sich, bei ihrer Farbe, aber doch miteinander, gar nicht gegeneinander. Einheit in Vielheit: das wäre eine geradezu katholische Hoffnung.
Es gehörte viel Hoffnung dazu: Seit vielen Jahren stand Europa, namentlich Preussen, Russland und eben Frank­reich, in spannungsvollen Verhältnissen, schrammten im­mer wieder knapp am Krieg vorbei, der 1914 losbrach und Europa in schreckliche Finsternisse stürzte.
Auch heute hat Tanzen mit Hoffnung zu tun. Dass es eben doch gut sei mit uns Menschen, mit unserem Wunsch, uns zu spüren, zu bewegen, anzuziehen und abzustossen, anzuschauen und zu lieben. Dass es gut sei mit dem Geist, der uns lebendig macht, eine jede in ihrer ganz speziellen Farbe, trotz Klimawandel, beruflichen Hemmnissen und allerlei Beziehungsnöten.
Möge also der StVer-Ball etwas von dieser Vision gegen­wärtig setzen - das Ja zu der aufregenden Unbegreiflich­keit unserer Kräfte, nach innen und zueinander, das Ja zur Vielfalt in Verbindung. Eigensinn in Gemeinschaft! 

                                                    Dr. Thomas Philipp, Universitätsseelsorger, Bern (Ballheft 2010)
Der Maskenball

Ein schöner Maskenball war das. Eveline kam als Bundes­rätin verkleidet, Moritz als Stammzelle, und Hans-Rudolf überraschend als Wachkoma. Es war sicher gewagt von mir, mich als schleichende Inflation zu verkleiden, aber meine Frau zog wenigstens bewundernde Blicke auf sich in ihrem 700-Milliarden-Dollar-Kostüm. Mit Ueli - Er kam wie immer als Zwipf (für diejenigen, die keinen Militär­dienst geleistet haben: Zwipf ist die militärische Abkür­zung für Zwischenverpflegung) - unterhielt ich mich über die Möglichkeiten eines staatlichen Stipendiums für meinen beantragten militärischen Friedensaufenthalt in Kongo-Kinshasa. Doris und Didier unterhielten sich an der Bar angeregt über die Farben der Luftschlangen. Doris war als Badezusatz erschienen und Didier als Duschvorhang. Alles in allem herrschte eine gelöste Atmosphäre und wir amüsierten uns prächtig. Micheline kam als Klimakata­strophe und kicherte dauernd vor sich hin, weil Moritz schmutzige Umweltwitze erzählte. War das ein Hallo, als plötzlich Christoph verkleidet als Asylmissbrauch auf­tauchte. Er hatte sogar eigens einen Tanz einstudiert, der zu seinem Kostüm passte und den er zusammen mit Toni - er kam als Invitrofertilisation - vorführte. Den ersten Preis aber erhielt verdientermassen Frau Merkel. Sie war als Detonation erschienen. Der Französische Botschafter kam als Weltmacht verkleidet, unterhielt sich dann aber bestens mit dem Zwipf. Der Russische Botschafter bewies Humor, indem er als Pressefreiheit erschien. Weniger Anklang fand das Kostüm des Thailändischen Botschafters, der sich als Pädophilenring verkleidet hatte. Es kam dann auch Schadenfreude auf, als ihn die Klimakatastrophe zum Tanz aufforderte.
Etwas Aufregung kam auf, als es der Stammzelle schlecht wurde. Sie hatte am Buffet von den Luftschlangen ge­gessen und wurde vom Asylmissbrauch und der Invitro­fertilisation über die Tanzfläche zur Couch getragen. Der Pädophilenring kümmerte sich auf rührige Weise um die kranke Stammzelle, womit er die Punkte bei uns wieder wettmachen konnte, die er durch seine geschmacklose Ko­stümwahl verloren hatte. Er war auch gewarnt worden durch das Exempel, das wir am Chinesischen Botschafter statuiert hatten, den wir wieder nach Hause schickten mussten, weil er sich als Fackellauf durch Tibet verkleidet hatte. Auch wenn das Kostüm sehr aufwendig und detail­liert ausgeschaffen gewesen war, ging uns diese Provo­kation dann doch entschieden zu weit.

                                                            Andreas Thiel v/o Graphos, Politsatiriker (Ballheft 2010)

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